Sadhus & Yogis of India
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Indische Einflüsse auf die frühchristliche Theologie

Benz, Ernst.

pp. 179{8} - 184{16}

Manicheism und India

Das überraschendste Ergebnis des Studiums dieser Mani-Dokumente bestand in der Feststellung, daß Mani nicht nur aufs tiefste von der jüdischen und der zoroastrischen Religion, sondern auch von der indischen Religion beeinflußt war, und daß er eine ausgezeichnete Kenntnis von der buddhistischen Lehre hatte, auf die er sich an vielen Stellen des neuentdeckten Schrifttums namentlich beruft. Auch berichtet Mani in diesen Schriften über seine Reise nach Indien. Er schreibt: "Am Ende der Jahre des Königs Ardaschir zog ich aus, um zu predigen. Ich fuhr zu Schiff nach dem Lande der Inder. Ich predigte ihnen die Hoffnung des Lebens, und ich wählte an jedem Ort gute Auslese aus. In dem Jahr aber, da der König Ardaschir starb und sein Sohn Schapur König wurde, da sandte er nach mir, und ich fuhr zu Schiff von dem Land der Inder nach dem Lande der Perser."
Durch diesen Bericht ist mit einem Schlage eine der brennendsten Fragen der Mani-Forschung gelöst, nämlich die Frage der Bekanntschaft des Mani mit den Lehren Buddhas und die weitere Frage seines Aufenthaltes in Indien, der verschiedentlich angezweifelt wurde. An der Tatsache seines Aufenthaltes in Indien kann nach diesem Selbstzeugnis nicht mehr gezweifelt werden. Mani verlegt die Reise in die letzten Jahre der Regierung des ersten Sasanidenkönigs Ardaschir 1. (224-41). Er stand damals ungefähr im 23. Lebensjahr. Sein Aufenthalt in Indien wird sich über ein Jahr erstreckt haben. Nach seiner Mitteilung war die Predigt von Erfolg begleitet, Manichäische Gemeinden bildeten sich, mit denen Mani auch späterhin in brieflicher Verbindung stand. Doch hat bereits CARL SCHMIDT darauf hingewiesen, daß neben dem Missionstrieb sicherlich auch bei Mani der Wunsch nach Bekanntschaft mit der indischen Weisheitslehre den Anstoß zu seiner Indienreise gegeben hat. Mani hat in Indien nicht nur gepredigt, sondern auch die heiligen Schriften des Buddhismus studiert, auch wird er mit buddhistischen Mönchen in Berührung gekommen sein. Die intime Kenntnisnahme des Buddhismus hat ihn dann bewegt, Buddha neben Jesus und Zoroaster zu seinen Vorläufern zu rechnen.
Das Studium der buddhistischen Religionsurkunden veranlaßt ihn zu der Feststellung, daß auch Buddha die eine religiöse Weisheit verkündet hat, als deren Propheten sich Mani fühlte. Allerdings erhob er gegen die Schüler Buddhas denselben Vorwurf, den er gegen die Jünger Jesu geltend machte. Die Jünger Buddhas hätten nicht die gesamte Weisheit Buddhas aufgezeichnet,. sondern nur ein bißchen von dem, was sie von ihrem Lehrer hörten, schriftlich fixiert. Mani gibt über Buddha folgendes Urteil ab: "Als nun Buddha seinerseits gekommen war - wir haben über ihn erfahren, daß auch er gepredigt hat seine Hoffnung und viel Weisheit, daß er hat auch ausgewählt seine Gemeinden und vollendet seine Gemeinden und seine Weisheit ihnen geoffenbart hat. Aber das ist es, daß er seine Weisheit nicht in Bücher geschrieben hat. Seine Jünger, die nach ihm kamen, sind es, die sich erinnerten an das bißchen Weisheit, das sie von Buddha gehört und in Schriften geschrieben haben."
Aus diesem Grunde hat Mani den allergrößten Wert darauf gelegt, seine eigene Lehre noch zu seinen Lebzeiten selbst schriftlich zu fixieren und auf diese Weise für alle Zukunft festzulegen, um sie nicht dem beschränkten Verstande und der willkürlichen Interpretation seiner Nachfahren auszuliefern.
Auf diese Weise hat Mani den Buddhismus in sein Religionssystem einbezogen und in einem gewissen Sinne mit seinen eigenen Ideen amalgamiert. Für Mani gibt es nur eine einzige religiöse Weisheit, denn.diese geht zurück auf die eine Kraft der oberen Welt, auf den Vater der Größe, von ihm sind alle Apostel ausgesandt, daher entstammen auch alle Offenbarungen und Weisheiten ein und derselben Kraftquelle. Aber die Heilsökonomie mußte auf die verschiedenen Länder Rücksicht nehmen, deswegen hat sie die Weisheit in verschiedenen Formen durch verschiedene Apostel verkünden lassen. Dem Range nach stehen sich alle diese Apostel, wie Buddha, Jesus, Zoroaster und auch Mani, gleich, deswegen nennt sie auch Mani seine Brüder. Sie unterscheiden sich nur in der zeitlichen Folge ihres Auftretens und ihrer Sendung sowie in der ber sonderen Abtönung ihrer Verkündigung auf bestimmte Länder. Gerade hierin liegt nach Mani der Vorzug seiner eigenen Religion. Die drei Vorgänger, Jesus, Bl,lddha und Zoroaster, sind an der Scholle ihres Landes klebengeblieben und haben ihre Weisheit nicht über die Grenzen ihres Heimatlandes getragen, daher ist die Religion Buddhas auf Indien be schränkt geblieben, die des Zoroaster auf Persien, die Religion Jesu auf den Westen. Erst Mani hat sich vorgenommen, seine Lehre in alle Länder zu verbreiten und hat daher selbst für die Herstellung authentischer Übersetzungen gesorgt. Auf Grund der Lehre von der Einheit der Weisheit hat Mani Elemente der buddhistischen Religion in sein System übernommen und dadurch auch im Zuge der Ausbreitung seiner Kirche in den Westen getragen. CARL SCHMIDT endet seine Textforschungen mit den Worten: "Man wird die Beeinflussung Manis durch den Buddhismus nicht mehr bestreiten dürfen."

Egypt und India

Indische Einflüsse in Alexandrien vor Origenes
1. Pantaenus und Bardesanes
Diese Entdeckung des indischen Einflusses auf Mani wirft auch ein neues Licht auf die mannigfaltigen sonstigen Nachrichten, die etwas von Beziehungen zwischen christlichen und indischen Lehren in den ersten nachchristlichen Jahrhunderten erwähnen. Solche Beziehungen finden sich sowohl in Dokumenten der frühkirchlichen Theologie wie auch in Schriften der neuplatonischen Philosophen des 2. und 3. Jahrhunderts.
So berichtet Eusebius, daß Pantaenus die berühmte theologische Schule von Alexandrien im Jahre 180 nach seiner Rückkehr aus Indien gründete. Ebenso wird ein direkter Einfluß indischer Philosophie und Religion auf Bardesanes, den führenden Theologen der christlichen Gnostik in Syrien, erwähnt. Bardesanes, ein älterer Zeitgenosse des Mani, der seinerseits die religiösen Ideen Manis ebenso tief beeinflußte wie die christliche Theologie der Alexandrinischen Schule, hat selbst ein Buch über Indien geschrieben, nachdem er sich sorgfältige Informationen über die religiösen Bewegungen durch eine indische Gesandtschaft verschafft hatte, die den Kaiser Antoninus Pius aufsuchte.
Ebenso zeigen neuplatonische Philosophen, wie Numenios und Kronios, Spuren einer Beeinflussung durch indische Philosophie. Numenios war ein Anhänger nicht nur der Lehren von Moses und Jesus, sondern auch von Lehrtraditionen ägyptischer und persischer Philosophen und indischer Brahmanen.
Dabei erscheint vor allem Alexandrien als der Ort, an dem solche indischen Interessen auf christlichem und heidnischem Boden lebendig waren und auf dem auch eine unmittelbare Berührung mit Indien stattgefunden hat. So ist es kein Wunder, daß Alexandrien als der Brennpunkt indischer Einflüsse erscheint, denn der größte Teil des indischen Handels ging ja über diese Metropole. Gerade im 1. Jahrhundert war der Indienhandel besonders lebhaft. Zahlreiche Bemerkungen der griechischen und römischen Schriftsteller dieser Zeit bezeugen, daß das römische Reich mit indischen Luxusartikeln geradezu überschwemmt wurde. Nach Plinius belief sich der römisch-indische Handel auf einen Umsatz von mehreren Millionen Sesterzen im Jahr. Der Indienhandel hatte auch einen direkten Einfluß auf die griechische Medizin, insofern, als dank des regelmäßigen Importes indischer Arzneien die Ärzte dazu übergingen, indische Medizinen für eine breitere Schicht der Bevölkerung zu verschreiben. Allerdings brachten die indischen Kaufleute selbst ihre Waren meist nur nach Südarabien, in dessen Hafenstädten die Waren von griechischen, syrischen und jüdischen Händlern übernommen wurden. Trotzdem mag mancher indische Kaufmann auch bis Alexandrien gekommen sein. Wenn irgendwo in der hellenistischen Zeit, so war man jedenfalls in Alexandrien am besten über Indien informiert, und diese Kenntnis betraf nicht nur kommerzielle Dinge, sondern auch das geistige und religiöse Leben Indiens.

2. Clemens von Alexandrien
Wenn bereits von der etwas legendären Figur des Pantaenus, des Gründers der theologischen Schule in Alexandrien, eine persönliche Berührung mit Indien berichtet wird, dann bestätigen die uns noch vorliegenden Werke seiner Nachfolger, wie Clemens von Alexandrien und Origenes, die Tatsache, daß auch in ihrem Denken Indien eine bedeutsame Rolle spielte.
Diese Tatsache verdient eine besondere Aufmerksamkeit. Zum Weltbild, wie es den Lehrern der Alexandrinischen Schule vertraut ist, gehört Indien selbstverständlich mit hinzu. In den entscheidenden Teilen seiner Schriften, in denen Clemens von Alexandrien seine Lehre vom Logos und seiner Offenbarung in der jüdischen und heidnischen Welt darlegt, erwähnt er nicht nur die Hellenen, Perser und Ägypter, sondern auch die Inder. Wiederholt kommt er auf den Gedanken zu sprechen, daß der göttliche Logos sich nicht nur innerhalb der Heilsgeschichte des Alten Testaments ge offenbart hat und daß er nicht nur auf eine besondere Weise durch die Propheten zum jüdischen Volk sprach, sondern daß auch einige Funken der göttlichen Wahrheit im Bereich der heidnischen Philosophie aufleuchteten, und dies betrifft nicht nur die Geschichte der griechischen, sondern auch der indischen Philosophie, die auf diese Weise ebenfalls in die Gesamtentwicklung der Heilsgeschichte einbezogen ist und die ihre Vollendung in der Menschwerdung des Logos in Christus findet.
Clemens hat gerade diese Frage des Zusammenhanges zwischen indischer Weisheit und Offenbarung des Alten Testaments zum Gegenstand einer wissenschaftlichen Untersuchung gemacht. Er zitiert ausdrücklich in diesem Zusammenhang die Schrift des Megasthenes, dem die hellenistische Welt die meisten ihrer Kenntnisse über Indien verdankte I, Megasthenes hatte bereits seinerseits eine innere Beziehung zwischen der brahminischen und jüdischen Weisheit festgestellt. So berichtet Clemens von Alexandrien: "Weit älter als diese Völker alle ist das Geschlecht der Juden, und daß deren schriftlich aufgezeichnete Philosophie der Philosophie bei den Hellenen voranging, beweist mit vielen Worten der Pythagoräer Philon, ja schon Aristobulos, der Peripatetiker, und schon viele andere, bei deren Namen ich mich nicht aufhalten will. Auf das Offenbarste aber schreibt Megasthenes, der mit Seleukos Nikator zusammenlebende Geschichtsschreiber, im dritten Buch der ,Indischen Geschichten' so: ,Alles, was die Alten über die Natur gesagt haben, wird auch von denen, die außerhalb Hellas philosophiert haben, gesagt, teils von den Brahmanen bei den Indern, teils in Syrien von den sogenannten Juden".
Ebenso gibt Clemens im sechsten Buch der Teppiche einen Überblick über die außerjüdische Philosophie und verweilt besonders ausführlich bei der Darstellung der ägyptischen Weisheit. Er beschließt diesen Abschnitt mit den Worten: "Das ist's, was über die Ägypter in Kürze zu sagen war; aber auch die Philosophie der Inder ist berühmt." Er erzählt dann zur Illustration der indischen Weisheit die Geschichte der Fragen Alexanders des Großen. an zehn indische Gymnosophisten und deren Antworten.
Es ist begreiflich, daß die Nachrichten über die Brahmanen die besondere Aufmerksamkeit des Clemens erregten, denn bei ihnen fand er die meisten Übereinstimmungen mit christlicher Lehre und Lebenshaltung, sie erschienen ihm als die unmittelbare Analogie christlichen Asketenturns, ihr Dasein mußte ihm in besonderem Maße als Beweis für die Gegenwart und Wirksamkeit des göttlichen Logos unter den Heiden erscheinen. So benutzt er alle ihm zur Verfügung stehenden Quellen, um sich über sie zu erkundigen, neben Megasthenes auch Alexander Polyhistors "Indische Geschichten". "Die Brahmanen z. B. essen weder etwas Beseeltes, noch trinken sie Wein, aber die einen von ihnen greifen wie wir täglich zur Speise, einige von drei zu drei Tagen, wie Alexander Polyhistor in den Indischen Geschichten sagt. Sie verachten aber den Tod und schätzen das Leben für nichts. Sie verlassen sich nämlich auf die Wiedergeburt. Sie verehren den Herakles und Pan." "Die sogenannten Heiligen bei den Indern sind ihr ganzes Leben lang nackt. Sie treiben die Wahrheit, sie zeigen die Zukunft im voraus an und verehren eine Pyramide, unter welcher ihrer Meinung nach die Gebeine eines Gottes liegen sollen. Weder die Gymnosophisten noch die sogenannten Heiligen gehen mit Weibern um, denn sie halten dies für natur- und gesetzwidrig. Aus diesem Grunde halten sie sich keusch, und Jungfrauen bleiben auch die heiligen Frauen. Sie sollen die Himmelskörper beobachten und aus deren Anzeichen manches aus den zukünftigen Dingen wahrsagen."
An einer anderen Stelle führt Clemens die Todesverachtung der indischen Brahmanen als eindrucksvolle Parallele zu der Haltung der Christen gegenüber dem Tode an. Die Philosophen der Inder sagen zu Alexander, dem Mazedonier: "Unsere Leiber wirst du von Ort zu Ort versetzen, unsere Seelen aber wirst du nicht zwingen, zu tun, was wir nicht wollen. Das Feuer ist für Menschen das größte Strafmittel, wir achten es gering." Ebenso kann er aber auch die indischen Brahmanen als Gegenbeispiel gegen die echte christliche Haltung anführen, so z. B., wo er sich gegen eine Gruppe von gnostischen Christen wendet, die sich zum Martyrium drängen, ja das Martyrium provozieren, um sich der Macht des Demiurgen, des Herrn dieser Welt, zu entziehen. Von diesen Pseudomärtyrern schreibt er:
"Aber auch wir tadeln die, welche sich in den Tod stürzen j es gibt nämlich einige, welche nicht zu uns gehören, außer daß sie denselben Namen mit uns tragen, welche aus Abscheu vor dem Schöpfer sich auszuliefern beeilen, die Unseligen, die so todeslustig sind. Wir sagen, daj} diese sich selbst ohne Märtyrertum um das Leben bringen, ob sie auch von Staats wegen bestraft werden. Denn sie bewahren nicht den Charakter des gläubigen Märtyrertums, weil sie den wahrhaft seienden Gott nicht anerkennen, sondern geben sich einem nichtigen Tode hin, wie auch die Gymnosophisten der Inder einem eitlen Feuer."
Doch er hat nicht nur die literarischen Quellen benutzt, vielmehr müssen ihm auch noch andere, vermutlich mündliche Berichte zur Verfügung gestanden haben. Im ersten Buch der Teppiche findet sich eine besonders ausführliche Würdigung der indischen Brahmanen, die wiederum im Zusammenhang mit seiner allgemeinen Absicht steht, die Spuren des göttlichen Logos auch in der heilsgeschichtlichen Entwicklung ,außerhalb des Alten Testaments und außerhalb der "hebräischen Philosophie" nachzuweisen. Dort schreibt er: "Die Philosophie also blühte als eine große, nutzenbringende Sache von alters her bei den Barbaren, leuchtete zu den Heiden hindurch und kam zuletzt auch zu den Hellenen. Ihre ersten Urheber waren die Propheten der Ägypter und die assyrischen Chaldäer und die Druiden und Samanäer bei den Galatern, die Philosophen bei den Baktrern und Kelten, die Magier bei den Persern (diese verkündeten auch die Geburt des Heilandes vorher, indem sie unter der Führung eines Sternes in das Land Judäa kamen), die Gymnosophisten bei den Indern und andere Philosophen bei den Barbaren. Diese sind zweifacher Gattung ~ Die einen von ihnen sind die Sarmenen, die andern die sogenannten Brahmanen. Von den Sarmenen bewohnen die Allobier genannten weder Städte, noch haben sie eine Behausung, sondern bescheiden sich mit Baumblättern, nähren sich mit Eicheln und trinken das Wasser aus den Händen, sie kennen weder Ehe noch Kindererzeugung, wie die sogenannten Enkratiten der Gegenwart. Unter den Indern gibt es auch Anhänger der Gebote des Buddha, welchen sie um seiner übermäßigen Heiligkeit willen der Ehre eines Gottes gewürdigt haben."
Hier wird zum erstenmal in der christlichen Theologie der alten Kirche Buddha erwähnt. Die Nachrichten über die Brahmanen, die Clemens an dieser Stelle wiedergibt, gehen offenbar auf Megasthenes zurück, aus dessen Schrift über Indien auch Strabo und Bardesanes ihre Nachricht über die Brahmanen und Sarmenen übernommen haben. In den beiden Wiedergaben derselben Megasthenes-Stelle bei Strabo und Bardesanes findet sich aber keinerlei Erwähnung Buddhas, so daß zu vermuten ist, daß sie überhaupt nicht bei Megasthenes stand, denn es ist nicht anzunehmen, daß beide Autoren, die Megasthenes selbständig exzerpieren, unabhängig voneinander den wichtigen Hinweis auf Buddha sollten weggelassen haben. Die größere Wahrscheinlichkeit spricht dafür, daß bei Megasthenes selbst noch nichts von Buddha stand und daß Clemens den Bericht des Megasthenes über die Brahmanen selbständig auf Grund anderer mündlicher Berichte durch die Kunde von Buddha ergänzte. Für die Richtigkeit dieser Vermutung spricht die Tatsache, daß zur Zeit des Megasthenes um 300 v. Chr. der Buddhismus noch keine weitere Verbreitung erfahren hatte. Erst unter Asoka hat sich der Buddhismus weiter ausgebreitet. Die genannten Ausführungen des Clemens über die Indische Philosophie bestätigen, daß für ihn Indien in seinem geographischen und historischen Blickfeld lag und daß für ihn zur Geschichte der geistigen und religiösen Entwicklung der Menschheit, die er als eine einheitliche, Juden und Heiden umfassende Heilsgeschichte verstand, die indische Weisheit selbstverständlich mit hinzu gehörte.

III. Indische Einflüsse bei Origenes
Diese Haltung war aber nicht eine Eigenart des Clemens, sondern war für die geistige Gesinnung der alexandrinischen Katechetenschule typisch. In Alexandrien war es auch für -einen Lehrer der christlichen Kirche unmöglich, das Phänomen der indischen Philosophie zu ignorieren. Die Kenntnis von Indien, die Beschäftigung mit indischer Philosophie tritt noch deutlicher bei dem Nachfolger des Clemens in der Leitung der Alexandrinischen Schule, bei Origenes, hervor.

1. Hinweise auf Indien
Daß Indien bereits zum geographischen Weltbild des Origenes mitgehörte, bestätigt seine Auslegung der Geschichte von der Versuchung Jesu in der Wüste, Matth. 4, 8, in der berichtet wird, wie der Satan dem Herrn alle Reiche der Welt - omnia mundi regna - zeigt. Origenes führt hierzu aus, dies könne sich unmöglich auf ein Schauen im buchstäblichen irdischen Sinne beziehen, denn "wie könnte er alle Reiche der Welt, d. h. der persischen, skytischen, indischen und parthische!l Könige zeigen, als wären sie unter oder an einem einzigen Berge liegend?" Bei den Reichen, die der Satan Jesus gezeigt hat, denkt Origenes von seinem geographischen Standpunkt aus selbstverständlich auch an das indische Reich. []


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